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Wer sich in der Lebensmitte nach einem neuen Arbeitsplatz umsehen muss, gerät häufig ins Zweifeln. Habe ich denn noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Wer wird jemanden in meinem Alter überhaupt noch einstellen? Auch wenn solche Überlegungen durchaus realistisch sein mögen, weil Unternehmen und Vorgesetzte häufig noch nicht erkannt haben, dass ältere KandidatInnen nicht nur Fachwissen und Erfahrung, sondern auch Kreativität und Entwicklungspotenzial mitbringen, sollten Sie nicht erlauben, dass sich solche Gedanken in Ihrem Kopf einnisten.

Denn sie werden Ihre Motivation für einen Neustart dämpfen und sich letztendlich auch auf Ihre Ausstrahlung auswirken. Sie werden dann nicht in der Lage sein, selbstbewusst und überzeugend aufzutreten, sondern verzagt und bittstellerisch wirken. Erlauben Sie sich stattdessen einen Perspektivenwechsel und halten Sie sich vor Augen, dass in vielen Branchen händeringend nach Arbeitskräften gesucht wird und die meisten Unternehmen gerade dabei sind, die eigene Haltung gegenüber KandidatInnen verschiedener Generationen zu hinterfragen. Ein Grund ist, dass die Altersbilder vergangener Tage nicht mehr viel taugen und natürlich auch, dass aufgrund des demografischen Wandels schlicht nicht mehr alle Stellen mit Mitgliedern jüngerer Jahrgänge besetzt werden können. Das kann Ihre Chance sein.

Was Sie als erfahrener Mitarbeiter zu bieten haben

Sie sind um die Mitte fünfzig und auf der Suche nach einem Neustart? Vielleicht ist die Unternehmensphilosophie Ihres Arbeitgebers nicht mehr mit Ihrer eigenen zu vereinbaren, vielleicht wurden Sie sogar entlassen? Oder Sie wünschen sich einfach einen Neuanfang? Wenn eine Selbständigkeit nicht in Frage kommt, dann heisst es die Bewerbungsmühle anzuschmeissen. Ich gebe Ihnen in diesem Beitrag gerne einige Tipps, worauf Sie bei Ihrer Bewerbung achten sollten.

Es ist Ihre Aufgabe, bei der Bewerbung herauszustreichen, was Sie in ein neues Arbeitsverhältnis mitbringen. In einem ersten Schritt sollten Sie sich Ihrer Kompetenzen, Ihrer Erfahrungen und Ihrer Stärken bewusstwerden und diese auf Papier bringen. Folgende Fragen werden Ihnen dabei helfen, das herauszufinden.

  • Was haben Sie bisher in Ihrem Arbeitsleben gelernt?
  • Was ist in den letzten Jahren neu hinzugekommen?
  • Wie offen sind Sie gegenüber neuen Entwicklungen?
  • Mit welchen Situationen können Sie besonders gut umgehen?
  • Wie gut können Sie den Kontakt zu Kollegen und Kunden herstellen?
  • Wo liegen Ihre persönlichen Stärken und Erfahrungen?
  • In welchen Bereichen könnten diese besonders gut eingebracht werden?
  • Können Sie z.B. anderen etwas beibringen, erklären?
  • Bewahren Sie die Ruhe, auch wenn es stürmisch zugeht?
  • Haben Sie gute Netzwerke geknüpft?
  • Gelingt es Ihnen, den Überblick zu gewinnen?
  • Welche Vorteile sehen Sie selbst, weil Sie eben gerade zur Gruppe 50plus zählen?
  • Wobei sind diese besonders nützlich?

Ihre Antworten können Sie als Argumente in der Bewerbung oder im Gespräch einbringen.

Besonders überzeugend wird Ihre Bewerbung, wenn Sie sich an Ihrem bisherigen Arbeitsplatz flexibel und lernfähig gezeigt haben. Und nicht wie einer meiner Klienten, der 25 Jahre im gleichen Unternehmen mit den immer gleichen Aufgaben betraut war. Er hatte sich dort häuslich eingerichtet und jeder Neuerung Stand gehalten. So war es schwer, im Bewerbungsanschreiben glaubhaft zu vermitteln, dass es ihm gelingen würde, sich an einem neuen Arbeitsplatz zügig einzuarbeiten. Wieviel besser liesse sich dies anhand von wechselnden oder neu hinzugekommenen Aufgaben oder (aufsteigenden) Positionen belegen.

Ihre Bewerbung – aktuell und passgenau

Wenn Ihre letzte Bewerbung schon länger zurück liegt, sollten Sie sich damit vertraut machen, was heute so üblich ist. Je grösser das Unternehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass man die Bewerbung online erwartet und Sie dafür Formulare auf der Website ausfüllen müssen. Doch auch, wenn Sie Ihre Unterlagen per Post einreichen können, gibt es neue Gepflogenheiten, die es zu beachten gilt. Informationen dazu finden Sie in einschlägiger Literatur oder auf entsprechenden Seiten im Internet.

Jede Stellenausschreibung entspricht einem Wunschkatalog der Firma. Selten werden Sie diesem in Gänze entsprechen. Ich kann Sie aber beruhigen: Das ist auch gar nicht nötig. Wenn Sie einige der wichtigsten Erwartungen erfüllen können, sollten Sie auf jeden Fall eine Bewerbung aufsetzen. Im Anschreiben gehen Sie auf die einzelnen Punkte ein und schreiben, was Sie zu bieten haben. Besonders überzeugend wird dies, wenn Sie statt einer blossen Aufzählung oder einer Beschreibung konkret werden und Beispiele anführen, die Ihre Aussage untermauern.

Suchen Sie nicht nur in der Zeitung oder im Netz nach passenden Stellen, sondern erstellen Sie auch ein Profil, das Sie in einer Initiativbewerbung nutzen können.

Private Interessen – das Zünglein an der Waage

Belassen Sie es nicht bei einer Beschreibung der Fähigkeiten und Kompetenzen, die Ihnen anhand von Zeugnissen bescheinigt wurden, sondern führen Sie an, welche ausserberuflichen Interessen und Erfahrungen am angestrebten Arbeitsplatz nützlich sein könnten. Sie leiten schon lange die Jugendgruppe Ihres Vereins? Dann dürfte Ihnen der Umgang mit den Auszubildenden leichtfallen. Sie sind begeisterter Hobbybastler? Dann können Sie sicher in die Kunden des Unternehmens hineinversetzen, wenn es Do-it-yourself-Produkte herstellt. Sie sportlich aktiv? Darüber dürften sich Arbeitgeber freuen, die Sportartikel herstellen, präsentieren und verkaufen.

Je mehr Sie sich mit dem Nutzen beschäftigen, den Sie in einer Firma einbringen können, desto grösser Ihre Chancen auf Anstellung.

Alle Vorteile auf einem Blick: «die dritte Seite»

Es ist an Ihnen, die Vorbehalte auszuräumen, die Personalverantwortliche älteren Bewerbern gegenüber haben und stattdessen positive Argumente zu liefern. Streichen Sie also heraus, was für Sie spricht. Ganz übersichtlich lässt sich das auf einer «dritten Seite» darstellen mit der Überschrift «Warum Sie einen erfahrenen Mitarbeiter einstellen sollten».

Dazu zählen nicht nur die oben erwähnten Faktoren, auch folgende Überlegungen könnten auf Sie zutreffen. Erfahrene Mitarbeiter:

  • behalten den Überblick
  • ist die Arbeit wichtig, sie sind motiviert
  • haben gelernt, Stress auszuhalten
  • wissen, wie man mit Kunden, Teamkollegen, Lieferanten umgeht
  • haben gelernt, Prioritäten zu setzen
  • sind in der Lage, andere anzuleiten
  • haben Lust, Neues zu lernen und zu erfahren
  • sind es gewohnt, Probleme kreativ zu lösen

Es kann trotz guter Vorbereitung eine Zeit dauern, bis Sie einen neuen Arbeitsplatz für Ihren Neustart finden. Bleiben Sie dennoch am Ball und widmen Sie der Suche jeden Tag einen festen Zeitabschnitt. In dieser Zeit recherchieren Sie im Netz, bringen Ihre Unterlagen auf den aktuellsten Stand, pflegen Sie Ihr Netzwerk. Gerade Letzteres ist wichtig, denn so erfahren Sie frühzeitig, was sich in Unternehmen tut, wo demnächst eine Stelle frei wird und können dort auch gleichzeitig Ihre beruflichen Wünsche kommunizieren.

Die anderen Stunden könnten Sie zum Beispiel dafür nutzen, sich körperlich, mental und psychisch fit zu halten, indem Sie:

  • ein Hobby pflegen, bei dem Sie die Ergebnisse Ihres Tuns in Händen halten und auf das Sie stolz sein können.
  • Weiterbildungskurse besuchen, um Ihre fachlichen und sprachlichen Kenntnisse zu vertiefen.
  • Vorträge hören, Bücher lesen und sich mit neuen Themen beschäftigen.
  • Über Alternativen zu einer festen Anstellung nachdenken, damit Sie nicht entmutigt werden, wenn sich die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz hinzieht oder keinen Erfolg zeigt. Vielleicht ist ja der parallele Aufbau einer eigenen kleinen Selbständigkeit eine Option? Oder Freiwilligenarbeit?
  • regelmässig Sport treiben.

Natürlich sind die obigen Auflistungen nicht als Pflicht zu verstehen, um bei Ihrem Neustart erfolgreich zu sein. Es handelt sich lediglich um Tipps, die sich meiner Erfahrung nach bei vielen meiner Kundinnen und Kunden bezahlt gemacht haben.

Ich wünsche Ihnen das Durchhaltevermögen und die Zuversicht, einen Neustart anzugehen, der zu Ihnen passt und Ihnen Freude bereitet.

(Dieser Artikel erschien auch in der Juliausgabe des
Schweizer OnlineMagazins NEUSTARTER)